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Ausschnitte aus dem Buch

 

Der Einsiedler von Steinheim

genannt China-Theuß

 

Ein Wanderleben zwischen Frieden und Krieg,

West und Ost,

zwischen Kaiserreich und Diktatur.

 

 

Herausgeber: Adalbert Feiler

 

Der Herausgeber berichtet:

Als kleiner Junge sah ich einmal, bei einer Wanderung mit meinen Eltern im Steinheimer Becken, von weitem den »Einsiedler« oder den »China-Theuß«. Er stand in seinem Garten - eine markante Gestalt!

Seit ich in Steinheim lebe, inzwischen ein Vierteljahrhundert, saß ich manche Stunde über den Manuskripten des Sofonias Theuß, dem Großonkel meiner Frau. Immer wieder bemühte ich mich seinen Lebensweg zu verfolgen, und allzu oft verirrte ich mich im Labyrinth seiner Niederschriften. Original-Briefe, Zitate, Berichte, Randbemerkungen in Büchern, von ihm selbst aufgenommene und entwickelte Fotografien, Zeitungsausschnitte und Gesprächsnotizen bieten eine unüberschaubare Fülle an Informationen.

Am 26. Februar 1941 beendete Sofonias Theuß ein Manuskript, viele hundert Schreibmaschinenseiten lang, das er überschrieb: »Ein Militärroman als politische Reisebetrachtung im Wanderleben eines deutschen Soldaten«. Er legte diesem Roman seine Tagebücher zugrunde, verarbeitete und kommentierte einschlägige Literatur und aktuelle Politik.

Im Herbst 1985 bat mich der Förderer der Steinheimer Heimatstube, Heinz Krause, den Lebenslauf des Sofonias Theuß auszuarbeiten als Dokumentation für dieses Museum, in dem die

Theuß'sche Chinasammlung (ext.) untergebracht ist. Die von Sofonias Theuß in seinem Roman nacherzählten Erlebnisse konnten, so zeigte es sich bald, in einen konkreten Zeitablauf und -zusammenhang hineingestellt werden. Eine umfangreiche tagebuchartige Schilderung kam dadurch zustande. Die Originaltexte ab 1916 spiegeln unmittelbar seine damaligen Empfindungen. Auf das Erzählende wurde deshalb danach immer mehr verzichtet. Ab 1919 vermittelt eine Auswahl seiner Niederschriften und Fotografien den weiteren Lebensweg und Lebensinhalt.

Sofonias Theuß ist als erstes Kind in einer Bauernfamilie im evangelischen Steinheim zur Welt gekommen. Als kleiner Bub ging er wohl oft und gern zu den Großeltern im belebten Dorfzentrum. 

Sofonias Theuß:

...Mein erster Gebetsunterricht, der wurde mir in diesen Abendstunden bei meiner Großmutter am Bett gegeben: "Wer weiß, wie nahe mir mein Ende? Hin geht die Zeit, her kommt der Tod. Wie unvermutet, wie behende, kann kommen meine Todesnot. Mein Gott, ich bitt' durch Christi Blut: Mach's nur mit meinem Ende gut!" Während meiner bewegten Pilgerfahrt, sehr oft in der Heimat, als auch im fernen Asien und Afrika, dachte ich an jenes Kindergebet....

...da spielten wir Kinder mit buntglasierten Ton- und Hafenscherben, leeren Schneckenhäusern, und mit besonderer Vorliebe sammelte ich die farbig glasierten Henkel alter zerbrochener Töpfe, welche dann die Kühe waren in unserem kleinen markierten Stall....

... im Frühjahr 1882 nahm mich meine Mutter schweren Herzens bei der Hand und wir verließen an jenem etwas unklaren, nebelumschleierten Frühlingsmorgen das Vaterhaus, zogen mit recht wehmütigen und gemischten Gefühlen vor dem Haus an meinem Vater vorüber, der gerade eine Fuhre saftigen Stallmist auf seinen Wagen lud - etwas zaghaft bergan - den Pfarrsberg hinauf nach dem damaligen oberen Schulhaus, nahe unserer Kirche. Als meine Mutter mit mir in dem unteren Schulzimmer ankam, waren alle schon da, wir waren also die Letzten. Die Kinder saßen in ihren Schulbänken, die Frauen und Mütter standen umher und unterhielten sich. In dieser gemischten Stimmung schob mich meine Mutter zu zwei Kameraden auf eine der letzten Bänke, welche noch frei waren. So wie mich damals meine Mutter auf der Schulbank platziert hatte, so blieb ich während meiner ganzen Schulzeit, die ganzen sieben Jahre, mit meinen Kameraden vereint sitzen. Mir scheint, dass schon von Anfang an die begabtesten Kinder auf die vorderen P1ätze gesetzt wurden - eines späteren Wechsels bedurfte es nicht mehr. Auf der Schulbank hatte ich an den mathematischen Berechnungen wenig Interesse, denn ich war in all den ersten Jahren noch nicht reif zum Denken, das alles zu verstehen, was man von uns Kindern verlangte. Am meisten begeisterte mich jedoch die Landkarte mit den verschiedenen farbigen Länderklecksen, den verschiedenen Weltteilen, die alle von einer grünlichen Färbung umgeben waren und das alles Wasser bedeuten sollte...

...mit 16 1/2 Jahren wurde ich Fabrikarbeiter in der Württembergischen Cattunmanufaktur in Heidenheim, weil eben das Geld fehlte, um einen Beruf zu lernen. Wer in der Landwirtschaft entbehrlich war, musste zum Geldverdienen in die Fabrik. Meinen Arbeitsplatz hatte ich dreieinhalb Jahre lang an ein- und derselben Stelle in der Cattundruckerei am Hitzkasten einer Druckmaschine. Es war eine Arbeit bei 40 bis 45 Grad Wärme mit ätzendem und beißendem Farbengeruch, manchmal einer siedenden Hölle gleich.... 

... zu der damaligen Zeit wanderte man zu Fuß am frühen Morgen von der Heimat zur Fabrik in die Stadt (ca.7 km) und am Abend nach getaner Arbeit wieder zurück in das Dorf. Diese tägliche Fußwanderung war für alt und jung der übliche Sport; es war eine beglückende Zeit, wobei auf der Schwäbischen Alb noch nicht einmal der heute allgemein übliche Rucksack erfunden war. Denn jeder Arbeiter packte am Morgen seine wenigen Lebensmittel für den Tagesbedarf in das übliche bunte Tüchlein, klemmte es unter den Arm und begab sich auf die Landstraße, wo er sich mit anderen traf und dem Arbeitsplatz zuwanderte...
...im Frühjahr 1893 habe ich mich dem Turnverein in Heidenheim als Turnerzögling angeschlossen. Obwohl es für mich etwas umständlich war, neben meiner Arbeit von sechs Uhr früh bis sechs Uhr abends noch regelmäßig die Turnstunden zu besuchen, bereitete mir die Turnerei Spaß und Vergnügen. Die Turnstunden dauerten gewöhnlich von abends acht Uhr bis gegen elf Uhr, dann hatte ich noch zu Fuß nach Steinheim zu gehen. Somit war die Nachtruhe manchmal recht kurz bemessen, denn um vier Uhr früh war schon wieder Tagwache, und die Reise nach Heidenheim begann auf's Neue...

Nach einfacher Volksschulbildung und einigen Jahren Fabrikarbeit wurde er zu den Gelben Dragonern nach Stuttgart eingezogen. 

...im Jahre 1894 durfte ich die Stelle des Stalljungen beim Generaldirektor Meebold antreten... Am Sonntag, wenn im hohen Herrschaftshaus die Arbeit drängte, nahm man mich mit, und wir putzten Schuhe und Stiefel... An Weihnachten und an Ostern kam der schmucke Generalstäbler, Hauptmann Berrer... Wenn ich dann seine hohen und schönen Soldatenstiefel mit den silbernen Sporen bürstete, stand vor mir ein Zukunftstraum, angesichts dessen meine Hochachtung vor all dem Militärischen Glanz ins Grenzenlose und Unbeschreibliche stieg...

 

Der Gefreite Theuß im Jahre 1896

 

Bei den Gelben Dragonern in Stuttgart führte ihn sein Lebensweg als Ordonnanz zum Baron Freiherrn Max von Gemmingen-Guttenberg. Bei Ausritten mit Gemmingen um Stuttgart ergaben sich persönliche Gespräche, die den jungen Sofonias geistig hinausführten über das konfessionelle Blickfeld des Schulprotestanten.

Während der Reise nach China geschah auch die räumliche Ausweitung seines Gesichtsfeldes. Er tauchte ein, wenn auch nur als Soldat, in die äußere Welt des Buddha und des Konfuzius und lernte gefühlsmäßig den östlichen Menschen kennen.

 

...Als ich am 13. August 1900, wie gewöhnlich, in der Reiterkaserne in Stuttgart die Pferde gefüttert hatte und zur leeren Wohnung zurückkehrte, um endgültig nach Straßburg abzureisen, übergab mir Metzgermeister Lindel ein Telegramm meines Hauptmanns: »Bleiben Sie dort, wir gehen nach China, Möbel zurückrufen, komme nachts. Gemmingen«...

12. September 1900: Als ich morgens an Deck kam und mich umschaute, dachte ich: »Siehe, es war wüst und leer!« Wir befanden uns mitten in der Arabischen Wüste. Weit und breit rotgelber Wüstensand, manchmal ein verkrüppelter Baum oder Strauch, der vom wehenden Wüstensand halb verdeckt war. Auf einem Karawanenweg bewegte sich eine große Kamelkarawane, bepackt mit Säcken und Kisten; bald darauf einige kleine Hütten aus Schilf und Holz.
Am späten Vormittag erreichte unser Schiff die beiden Bitterseen und in der Mittagszeit verließ es den Suez-Kanal. In Suez wurden die großen elektrischen Scheinwerfer, die in Port Said am Schiff für die Nacht angebracht worden waren, von einem kleinen Dampfer übernommen.
Unser Schiff setzte die Fahrt in das Rote Meer fort, das Wetter war schön, die See war blau und vom Süden kam warmer Wind...

...Der Morgen des 14. September brach schwül an. Von Afrika her wehte heißer Südwind, das schwarzgraue Meerwasser roch schlecht - ich verstand nicht, warum man diesem Pestmeer den Namen "Rotes Meer" gegeben hatte...

Am 15. September verschlimmerte sich das Klima - am Nachmittag gab es schon viele kranke Soldaten, und als die Nacht anbrach, war schon ein Mann gestorben. Unter Deck war es bei Nacht nicht mehr auszuhalten. Um Mitternacht wurde die Luft so schlecht, dass Männer der Schiffsbesatzung, die Nachtdienst hatten, bewusstlos wurden. Der Kapitän ließ morgens das Schiff rückwärts fahren, damit durch den Fahrtwind Luft in das Schiff gepresst würde.

Am 16. September wurde vor sechs Uhr das Schiff halbmast beflaggt. Es wurde eine Seebestattung der beiden gestorbenen Soldaten vorbereitet. Die Leichen wurden in grobe Sackleinwand eingenäht, auf ein Eisenstück gelegt und mit Juterupfen umwickelt. Um sechs Uhr versammelten sich die Offiziere und Soldaten im Hinterschiff, wo eine kleine Ansprache gehalten wurde. Mann war an Mann gedrängt. Wie eine Herde Schafe standen wir Soldaten an jenem Sonntagmorgen in der üblen, stickigen Meeresluft an Deck, am Ausgang des Roten Meeres. Während vier Männer der Schiffsbesatzung mit ihren Blechinstrumenten den Choral spielten, »Jesus meine Zuversicht«, wurden die Verstorbenen, einer nach dem andern, über die Reling gehoben und dem schwarzgrauen Meerwasser übergeben. Nach dieser einfachen und ergreifenden Feier sahen wir Soldaten in banger Erwartung unserer weiteren Zukunft entgegen.

Am 16. Oktober wurde Taku im Golf von Petschili erreicht. Wir erfuhren, dass sich die Chinesen sehr weit in das Land zurückgezogen hatten und nicht mehr kämpfen wollten. Wir waren enttäuscht - hatte doch Kaiser Wilhelm II. in seinem Scheidegruß an das Ostasiatische Expeditionskorps in Bremerhaven uns angefeuert, auch wegen der Ermordung des deutschen Gesandten in Peking, Freiherrn von Ketteler, am 18. Juni 1900:
»Die Aufgabe, zu der ich Euch hinaussende, ist eine große. Ihr sollt schweres Unrecht sühnen. Ihr sollt fechten gegen eine gut bewaffnete Macht, aber Ihr sollt auch rächen, nicht nur den Tod des Gesandten, sondern auch vieler Deutscher und Europäer. Kommt Ihr an den Feind, so wird er geschlagen, Pardon ·wird nicht gegeben, Gefangene nicht gemacht, wer Euch in die Hand fällt, sei in Eurer Hand ...
Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der Überlieferung gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name DEUTSCHLAND in China in einer solchen Weise bekannt werden, dass niemals wieder ein Chinese es wagt, etwa einen Deutschen nur scheel anzusehen .. .«
In diesem Sinne waren wir vorbereitet, als Racheengel zu kommen.

 

Deutsche Soldaten der Infanterie-Stabswache in Peking und rechts Sofonias Theuß 1901

In den ersten Monaten des Jahres 1904 lebte in Deutsch-Südwestafrika der Herero- und Hottentotten-Aufstand auf, wozu erst ganz im geheimen in der deutschen Armee einige Truppen mobil gemacht wurden, welche zur Verstärkung nach Südwestafrika gesendet wurden. Der militärpolitisch so aufmerksame Max von Gemmingen hatte dies aufgegriffen. Alsbald verständigte mich der Herr Major von seinem Plan und Vorhaben, wobei er mich frug, ob ich ihn wieder begleiten würde für den Fall, dass er bei der Schutztruppe in Südwestafrika eingesetzt würde. Es war klar, dass ich sofort zusagte.
Bei unserer damaligen Militärbegeisterung war es nur zu verständlich, dass wir beiden Soldaten alle Behaglichkeit, die wir in Stuttgart in den letzten Jahren wieder genossen hatten, gerne einem etwas unruhigen Feldleben opfern wollten. Das alles war nun einmal der impulsive Tatendrang junger Menschen, die jederzeit in das Blaue hineinjagen - mit einer gewissen Abenteuerlust - wenn irgendwo am runden Erdball ein Krieg entfacht war. Einen wirklich zwingenden Grund hatte von uns beiden Soldaten keiner, höchstens, dass sich der Major an der aufgeblähten, überspannten menschlichen Gesellschaft in Europa sowie am deutschen Paradedrill in der Heimat und dem schablonenmäßigen Bürodienst einen gewissen Ekel angelebt hatte...

 

 

Reiter in Deutsch-Südwest, Mitte: Sofonias Theuß

Durch die bitteren Erfahrungen mit den christlichen »Herrenmenschen« distanzierte er sich von der Institution der christlichen Kirche. In den beginnenden zwanziger Jahren kam er mit Menschen zusammen, die mit ihm, jetzt auch in Westeuropa, östliches religiöses Gedankengut pflegten. Doch löste sich bald diese Verbindung wieder.

 

 

Erntearbeiten bei Steinheim

 

 

1. Weltkrieg

 

 

Sanitätshundeführer

 

Sein ganzes Leben suchte er nach der gerechten, wahrhaften Autorität, einer Art Vatergestalt. In der Kindheit und Jugend empfand er diese noch in der Person seines Kaisers. In schwierigen Situationen des deutschen Volkes fiel er immer wieder zurück in diese Empfindungswelt.

 

... mit dem landesüblichen patriotischen Kraftgesang und überaus reichlich mit Blumen bekränzt, zogen die Soldaten durch die Straßen der Stadt München, dem Bahnhof zu, dem Kampf entgegen in das Feld und in das Verderben. Ob all das im Leben der Menschen normal war! Ich wusste es nicht!
In diesem Münchener Begeisterungsrausch fragte ich einen meiner Kameraden in der Dachauer Straße, wo denn die Soldaten die vielen, vielen Blumen her hätten, die sie an die Mützen gesteckt und in ganzen Bündeln an die Gewehrläufe gebunden haben? »Diese haben sie alle selbst in den Blumenläden gekauft - das ist in München so Mode!
Auch wir schmückten uns dann, vor allem unsere schönen, treuen Sanitätshunde, mit bunten Bändern und Straußen, dann wanderten wir am 24. Oktober 1914 zum Güterbahnhof Laim, zur Abfahrt an die Front...

24. Oktober 1915:
In Buxières holte ich im Weinberg zwei Ableger einer Palmenart, der Yucca gloriosa. Damals, als ich im Schlossgarten die schwarzen Kirschen auf dem Kirschbaum aß, entdeckte ich die stattliche Palme, die drei Blütenstängel ausgetrieben hatte. Sie waren damals noch ungleich entwickelt, aber ich hatte erkannt, dass hier etwas Schönes entstehen konnte. Wenn mich dann im Juli mein Weg nach Buxières führte, so besuchte ich jedes mal diese Palmenpflanze. Die drei Blütenstängel wuchsen immer weiter und eines Tages hatten sich die reinweißen Blüten zu riesigen Maiblumenglocken entwickelt. An diesem Blütenzauber konnte ich mich nicht satt sehen. So ging ich täglich zu jener Stelle, wenn es mein Dienst irgend erlaubte.
Jetzt, im Herbst, als zwei kleine Pflanzenableger aus dem Boden ragten, mit fünf oder sechs Blättern und einer Länge von zwanzig Zentimetern, grub ich diese kleinen Pflanzen sorgfältig aus der Erde, schnitt sie am Tiefpunkte am Mutterstamm und am Wurzelballen ab und nahm sie mit zu meiner Waldhütte.
Auf der ganzen Gemarkung Buxières konnte ich kein weiteres Exemplar dieser Pflanze finden. Bei meinen Auslandsreisen nach China und Südwestafrika hatte ich viele Palmenarten angetroffen, aber eine Palme in blühendem Zustand, mit diesen höchst vollendeten Blüten, war mir kaum begegnet.
Beide Palmenstecklinge verpackte ich sorgfältig in feuchtem Moos, legte sie in eine Feldpostschachtel, die ich am 26. Oktober meinen Eltern in die Heimat schickte zur weiteren Behandlung und Pflege...

...Es müssen noch einige große Wunder geschehen - himmlische und irdische - welche den Herrschern und Ministern, sowie allen An- und Brandstiftern und zwar bei allen kriegsführenden Parteien, die sich beiderseits immer auf den guten alten Gott verlassen und in ihrer Naivität ausrufen: er möge in der gerechten Sache zum Sieg verhelfen, wieder einen friedlichen Weg pflastern, der für alle unsere menschlichen Sündenböcke wieder gangbar. Bei dem Wort "gerechte Sache" muss ich immer an das viele, namenlos Zerstörte, an die Wohnhäuser und Möbel, an die menschlichen Krüppel denken, die vor und hinter unserer Front herumliegen. Spott und Schande heuchelt und schreit zum Himmel aus dem Wort "gerechte Sache"...

 

 

Moritz Einstein, Sofonias Theuß und zwei Krankenträger in Vigneulles

 

...Was ich an diesem unvergesslichen Platz antraf und dabei den tieftraurigen Niederschlag vom wahren Kriegsgeschehen in mir aufnahm, das war alles weit mehr als herzzerreißend. Es war im wahrsten Sinne des Wortes bejammernswert: zu ebener Erde, auf dem Rasen, lagen nebeneinander, auch unregelmäßig verstreut, wie durcheinandergewürfelt, hunderte leicht- und schwerverwundete Soldaten, die in ihrem Schmerz und Kummer wimmerten und stöhnten und laut zum nächtlichen Himmel klagten, der sich mit seinem dunklen Wolkenschleier über all den Menschen wölbte, über Freund und Feind, über Gesunde und Kranke und Verstümmelte, sowie über Sterbende und über die Toten.
Bald darauf schlugen hier in der Nähe wieder Granaten ein und da war es herzergreifend, wenn die einzelnen verwundeten Kameraden in ihrer Verzweiflung die Sanitäter baten mit heiserer Stimme: »Oh, Kamerad, nehm' mich mit!« und so klang es immer wieder an mein Ohr: »Oh, Kamerad nehm' mich mit, nehm' mich mit...« 

Wir mussten mit unseren Krankentragen wieder auf demselben schlimmen Weg, wie bisher, nach Osten. Das Gelände war bei unserem Weitermarsch total versumpft, es war wohl absichtlich vom Feinde zuvor überschwemmt worden. Bald tauchten wir auf unserem beschwerlichen Marsch im nächsten Wald unter. Mühsam und unter Aufbietung all unserer Kraft schafften wir die Verwundeten nach einer weiteren Stunde in die Nähe des kleinen Fleckens Ville en Woevre. Als wir uns diesem Ort näherten, landete soeben wieder ein ergiebiger, ausgedehnter feindlicher Granatenhagel im Dorf. Eine Granate um die andere flog mit dem üblichen brüllenden, heulenden Sirenenton, mit dem eigenartigen unbehaglichen Zischlaut durch die Morgendämmerung, bis sie mit ungeheurer Sprengkraft unter Klirren und Splittern an irgendeiner Stelle explodierte, während wir Soldaten die Verwundeten den steilen Weg am Dorfeingang hinuntertrugen. Hier, an einem großen Haus, bogen wir ins Tor ein. Ich selbst empfand nach dieser langen Nacht große Müdigkeit und völlige Ermattung. Dabei waren die Langschaftstiefel mit Wasser und Dreck voll, der untere Teil der Kleidung mit Wasser und Schlamm getränkt und das Oberhemd war nass vom Schweiß.
Ich suchte für mich und meinen Hund Wolf in einem überdeckten Schuppen etwas Ruhe, während draußen einzelne feindliche Granaten einschlugen.
Nach einer Stunde wurde es aber eiskalt um mich. Ich machte die schauerliche Entdeckung, dass die Soldaten, die ich erst jetzt sah und neben denen und auf denen ich gelegen und geruht hatte, alle kalt und erstarrt waren. Es waren Soldaten, die unterwegs beim Krankentransport oder aber nach der Ankunft gestorben waren.
Mit seltsamen Gefühlen entfernte ich mich aus diesem Schuppen, dieser nächtlichen Totengruft. Aber der greuliche Tag war noch nicht zu Ende, ich musste zurück nach Braquis zu meiner Sanitätskompanie. Etwas nördlich von Ville en Woevre, rechts der Landstraße, auf einem Wiesengrundstück, hinter einem Stacheldrahtverhau, lagen sieben deutsche Soldaten, wahrscheinlich ostpreußische Infanterie oder Brandenburger, die hier beim Sturmangriff gefallen waren. Sie lagen da, wie sie die feindlichen Kugeln und der Tod ereilt hatte, vornübergefallen oder nach rückwärts gebeugt. Aber ein Soldat kniete mit dem rechten Bein auf der Erde, sein linkes Bein war angewinkelt, der Fuß auf den Grasboden gesetzt und vor ihm stand senkrecht sein Gewehr, der Gewehrlauf nach oben, den der tote und erstarrte Soldat mit beiden Händen am oberen Teil krampfhaft umschlossen hatte. Und der Kopf mit dem Stahlhelm war leicht nach hinten geneigt, das bartumrandete blasse Gesicht dieses jungen Helden starrte zum Himmel ...

...Doch von all diesem Heldenwahn, der ehemaligen Kampfbegeisterung, bin ich angesichts der blutigen Kämpfe an der Westfront vor Verdun gründlich geheilt und kuriert, wo sich in mir unter dem Drang der Zeitereignisse ein wahrer Ekel gegen alles militärische Heldenspiel und jeden Heldenschwindel aufgebäumt hat, der alles in mir begraben, was mich einst in meiner Jugend so begeistert und von dem ich geträumt hatte.

3. September 1916: Schluss- und damit basta- für mich hat der Hundekrieg ein Ende...

...und so kamen denn die schwarzen Novembertage von 1918, wo das für mich ganz unvorstellbare geschehen konnte: Deutsche Generale im großen Hauptquartier berieten ihren Kaiser und Monarchen zur Fahnenflucht nach Holland.

Jedem alten Soldaten muss dies unverständlich bleiben, nach dem ihm während seiner militärischen Dienstzeit die Kriegsartikel ... so oft und eindrucksvoll verlesen und eingehämmert wurden...

 

Sofonias Theuß schrieb am 29. Februar 1932 Adolf Hitler anlässlich dessen Einbürgerung in Deutschland und dessen Ernennung zum Regierungsrat in der Braunschweigischen Gesandtschaft in Berlin und überreichte ihm gleichzeitig seine Denkschrift »Betrachtungen und Erwägungen über die Volksnot und über die Wirtschaftskrise«. Auszug aus Seite 10 dieses Briefes:

Wir vertrauen als abgerüstetes Volk auf Gott und den zukünftigen menschlichen Anstand, indem wir hoffen, dass die gegenwärtig noch in Waffen starrenden Völker in der Welt in Zukunft kein friedliebendes und abgerüstetes Bruder- und Nachbarvolk angreifen, ruchlos überfallen und ausrauben ...

... was unseren Völkern Not tut, das sind nicht Waffen aus Stahl und Eisen, aus Gas und Schwefel, sondern es muss der wirkliche Kulturmensch mit der Waffe des Geistes erstehen, der mit Hilfe der Anwendung strenger Gesetze die gesamte Menschheit auf einen für alle gangbaren Weg führt ...

Die Staatsmänner haben in der Zukunft die Pflicht, alle Völkerstreitigkeiten auf friedlichem Wege zu regeln und nicht wie bisher mit dem Schwert und verlogener Geschäftspolitik, sondern mit der Waffe des Geistes und der Vernunft!

 

Nachsatz zum Bericht über den Ersten Weltkrieg:

... und genauso lastet heute im Zweiten Weltkriege von 1939 bis 1943 auf mir das selbe Gefühl, das mir schon von Anbeginn, trotz aller unserer beinahe fabelhaften militärischen Siege und Kriegserfolge, sagte, dass  wohl auch in diesem gegenwärtigen Krieg und Waffengang das deutsche Volk und seine Feldarmeen letzten Endes vor Deutschlands Feinden unterliegen werden...

Es ist heute im zwanzigsten Jahrhundert doch bedenklich, oder vielmehr tieftraurig und beschämend gegenüber anderen Völkern, die in anderen Weltteilen in Übersee noch etwas ruhiger leben, ·wenn sich die fortschrittlichen Kulturnationen in dem so hoch zivilisierten Europa gegenseitig im Kriege und im Heldenwahne die Schaufenster einschlagen, die Wohnbauten und Kulturdenkmale zerstören und sich gegenseitig morden.

Die neuzeitliche moderne und motorisierte Kriegführung der Menschen heute im zwanzigsten Jahrhundert, wird in seiner katastrophalen Ausdehnung gefährlicher, bösartiger und raffinierter; das alles zeigt uns Menschen die Gegenwart in den Jahren von 1939 bis 1943, wo im Heldenwahne des Krieges Werte zerstört werden, die unvorstellbar sind.

Diese Tatsachen und die klare Erkenntnis sollte jeden ehrlichen und jeden denkenden Menschen veranlassen zu einer tatkräftigen Mithilfe an einem neuen Völkeraufbau, indem man mit vereinter Kraft in der friedlichen Zusammenarbeit nach Mitteln und Wegen sucht, damit derartige Katastrophen wie der totale Krieg vermieden und verhindert wird, indem die Menschen, alle an der Zahl, sich freimütig und offen zu der These bekennen: 

Krieg ist Wahnsinn! Krieg ist ein Verbrechen an dem Volk und Vaterland sowie an der gesamten Menschheit! 

Daher nie wieder Krieg! Die Waffen nieder!

Sofonias Theuß

Obere Ziegelhütte, Steinheim, Kreis Heidenheim,

im April 1943

 

 

In Hitler sah er zunächst auch diese autoritäre Gestalt, die ihn hoffen ließ, dass Deutschland wieder zur Ordnung und zur inneren Ruhe findet. Er erlebte, wieder einmal, die große Enttäuschung: die am Anfang der Hitler-Diktatur für ihn positiven politischen Ansätze eskalierten sehr bald zur Unterdrückung der individuellen menschlichen Freiheit, die ihm ein persönliches Anliegen war.

1943

Auch heute früh zog die Steinheimer Hitlerjugend nach Heidenheim (wahrscheinlich zum Film "Stoßtrupp"), als die Kirchenglocken zum Gemeindegottesdienst gerufen hatten. Ob der Film notwendiger ist für unsere ohnehin sehr verrohte Jugend, als der Gottesdienst, darüber möge für die deutsche Zukunft allein Gott entscheiden.

Alte Menschen mögen eventuell aus mancherlei Gründen der Kirche fern bleiben, aber, wenn man absichtlich, von führender Stelle aus, die Jugend vom Gottesdienst fern hält und für Kampfhandlungen vorbereitet, wird sich das dereinst am Volke selber bitter rächen.

So zieht sich durch sein ganzes Leben eine gewisse Tragik: er wollte an der Zukunft als Individualität arbeiten, aber er schaute immer wieder zurück zur imaginären Vatergestalt, die ihn nicht frei ließ. Im Grunde war er tief religiös – ein Wanderer zwischen zwei Welten - der östlichen und der westlichen. Sein Temperament, er war Choleriker, ließ ihn den meditativen Gleichmut des Ostens nicht finden. Das christliche Element, das liebende Vergeben, fiel ihm selbst im hohen Alter schwer. Erst in einem seiner letzten Briefe schaut zwischen den Zeilen etwas wie väterliche Milde hervor. Er schrieb an die junge Evamaria Geiger und schilderte, gleichsam wie ein Resümee, die Frucht seines Lebens. Zehn Tage später, am 25. August 1943 holte ihn die Gestapo ab, und dann fiel er wieder zurück in sein kritisches, urteilendes Gerechtigkeitsdenken.

An sich und die Welt stellte er hohe Ansprüche in Bezug auf Gerechtigkeit, geistige Freiheit und Wahrheit.

Oktober 1944

In einem Land und Volksstaat, wo man sich nicht mehr offen und ehrlich zu der Wahrheit bekennen darf - wo man sich mit plumper Lüge und mit Bluff und gemeiner Raffinesse durchhelfen muss, da hat wahrlich das Leben nicht mehr viel Wert; denn so ein Volksstaat in der Lebensgemeinschaft, der ist reif zum Untergang! Hitler ist der größte Schurke und niederträchtigste Schuft - weil er seinem Volk eine glorreiche Friedenszeit und Wohlstand vorgeheuchelt und vorgelogen hat. Dabei hat sich dieser verwegene Staatsmann auf Abwege und auf gefährliches Glatteis begeben, das das betrogene Volk durch die Rüstungs- und Kriegspolitik zu einer Katastrophe und in den Abgrund führt.

 

Die Dummheit der Menschen ist der beste Gradmesser und Seelenbarometer für die längere oder kürzere Lebensdauer eines Krieges...

Und ich hoffe zuversichtlich, dass nach diesem Kriegsdrama die wirklichen Urheber und Schuldigen zur Verantwortung gezogen, festgestellt und barbarisch für die Gemeinheit bestraft werden.

 

Dem Gleichheitsprinzip unter den Menschen blieb er treu, gerade als es um sein eigenes Wohlergehen im Alter ging: 1943 - 1945 verbüßte er eine Freiheitsstrafe wegen Wehrkraftzersetzung, siebzigjährig, zunächst im Gefängnis in Ulm. Gesundheitlich ging es ihm nicht gut. Damit er wenigstens genügend Bewegung und zu essen hatte, durfte er in der dortigen Küche arbeiten. Sein Schwager brachte ab und zu dem Vorgesetzten, für dessen kranke Frau, ein Glas Honig vom Bienenstand des Gefangenen als Dank für das Entgegenkommen.

Diese, nur auf seine Person bezogene Zuwendung der Mitmenschen, auch das bekundete Mitgefühl der Steinheimer, war ihm zuwider. So ließ sich Sofonias Theuß zum weiteren Strafvollzug, ohne Wissen der Verwandten, versetzen. Sein letztes Reiseziel war Berlin.

Oktober 1944

Mein tägliches Gebet an Gott!

Gott strafe Deutschland mit seinem blinden, dummen, verlogenen, größenwahnsinnigen, verwegenen und raubgierigen Führer! Deutschland verrecke!

Hitler verrecke, Himmler verrecke, Goebbels verrecke, Göring verrecke,...

Herrgott, barmherziger Vater, gebe Du mit Deiner himmlischen Allmacht dazu Deinen göttlichen Segen, das es alsbald soweit kommen werde! 

Deutschland verrecke!

 

Die gesunden Gefangenen transportierte man vor der Invasion der Roten Armee im März 1945 nach Westen, die Kranken blieben zurück. 

Sofonias Theuß wurde am 26. März im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet.

 

 

 

Hin geht die Zeit, her kommt der Tod. Wie unvermutet, wie behende, kann kommen meine Todesnot. Mein Gott, ich bitt' durch Christi Blut: Mach's nur mit meinem Ende gut!

Adalbert Feiler, Steinheim, 4. April 1986

Copyright beim Verlag Heidenheimer Zeitung (ext.), 89518 Heidenheim.

Erhältlich beim Verlag Heidenheimer Zeitung, sowie im Buchhandel und im

Bürgermeisteramt Steinheim (ext.), 89555 Steinheim.

ISBN Nr. 3-920  433-01-7

Alle s/w Fotos dieser Seite sind aus der Sammlung von S. Theuß.

Die beiden letzten Farbfotos sind von Gertrud Feiler.

Ein Link:

Persönlichkeiten und Charaktere in Steinheim (Seniorenakademie Heidenheim) (ext.)

 

 

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